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Indianerroman  ”Navajo Will”, Taschenbuch mit 206 Seiten bei Amazon für € 12,80

Leseprobe:
So ritten sie direkt zum Winterlager ihres Stammes und berichteten dem Häuptling alles, auch über ihr ungutes Gefühl. Juanito dankte seinem Bruder und Will. Auch ihm war nicht wohl und einer seiner erfahrenen Alten sah auch Unheil auf das Volk der Navajos zukommen, ob mit oder ohne Kampf. Der Grosse Geist hatte sich von ihnen zurück gezogen und prüfte sein Volk.
Für Will wurde ein eigener Hogan gebaut und dieser von innen mit warmen Fellen ausgestattet. Er sah zu, wie dieser mit Stroh und Lehm gedeckt wurde und besichtigte das Hügelhaus, das oben mit einem Rauchabzug versehen war.
Die Melonen waren schon sicher eingelagert, der Mais gerade geerntet und das trockene Maisstroh zur Ausbesserung der Hogans verwendet. Die Schafställe wurden abgedichtet, Futter für den Winter eingelagert und auch für die Pferde gab es trockene Unterstände, denn die Winter waren hier schneereich und kalt.
Das waren die Monate der Frauen, in denen diese die Wolle verarbeiteten und bunte Decken webten. Das war auch eine der Stärken von Anda und sie steuerte für den neuen Hogan von Will eine schöne Decke bei, über die sich Will besonders freute. Bei der Gelegenheit lud er sie zur Besichtigung in sein Haus ein und sie wagte diesen Besuch und sah sich um. Als sie den Raum verlassen wollte, stand Will am Eingang und schaute ihr intensiv in die Augen und streichelte ihr Haar. Dann küsste er sie und sie erwiderte dies kurz aber leidenschaftlich, riss sich dann los und flüchtete aus dem Hogan. Draussen sammelte sie sich und bat ihn um Geduld.
Im Stamm wurden beide schon länger beobachtet, denn keinem war es entgangen, dass Will ein Auge auf Anda hatte. Ihr Bruder hatte darüber auch schon mit dem Häuptling gesprochen und nun lag die letzte Entscheidung beim Medizinmann, einem alten Indianer, der das Orakel des Stammes war und wie ein Heiliger verehrt wurde.
Seine Macht war im Grunde grösser als die des Häuptlings, denn in seinen Händen lag die Magie des Heilens und des Todes.

Wobei bei Krankheiten die Navajo’s sich eines schamanischen "Handzitteres" bedienten, was oft der Medizinmann oder einer seiner Helfer ausübte. Wurde jemand krank, arrangierte der Medizinmann den Besuch eines Handzitterers. Wenn der kam, setzte er sich zum Patienten und wusch sich Hände und Arme mit einer Yuccawurzel, die für die rituelle Waschungen vor Heilungszeremonien, Hochzeiten oder anderen sakralen Anlässen benutzt wurde. Dann nahm er Blütenstaub und streute ihn dem Patienten auf die Fusssohlen, die Knie, die Handflächen, die Brust, zwischen die Schultern, auf den Kopf und in den Mund. Danach nahm der Heiler etwa einen Meter entfernt zur Rechten des Patienten Platz, nahm noch mehr Blütenstaub und bestreute die Innenseite seines Armes ab dem Ellenbogen bis hinunter zu den Fingerspitzen.
Dabei betete er: "Schwarzes Gila-Monster, sag mir bitte, was diesem Patienten fehlt; Ich schenke dir eine Jett-Perle, wenn du mir sagst, welche Krankheit er hat."
Er wiederholte dieses Gebet für jeden Finger, wobei er jedes Mal sowohl dem Gila-Monster (eine Art Eidechse), als auch der Perle eine neue Farbe zuschrieb.
Danach sang er ein "Gila-Monster-Lied", wobei seine Hand und sein Arm bisweilen heftig zitterte. Dieses Zittern lieferte ihm die Information, nach der er suchte. Wurde das Handzittern zu anderen Zwecken als dem Diagnostizieren von Krankheiten eingesetzt, musste dabei der Ratsuchende nicht anwesend sein. Für verlorene Gegenstände wurde ein Kleidungsstück verwendet. Bei einem Diebstahl machte ein Handzitterer den Verdächtigen ausfindig und packte ihn bei den Schultern.

So musste sich Will zunächst einer indianischen Schwitzhüttenzeremonie unterziehen und einen spirituellen Heilungsgesang der Navajos lernen, welcher bei allen Zeremonien gesungen wurde und so überliefert ist:

NACHTGESANG DER NAVAJO

In Tsegihi,
im Haus erbaut aus Morgendämmerung,
im Haus erbaut aus Abendlicht,
im Haus erbaut aus dunkler Wolke,
im Haus erbaut aus Regen,
im Haus erbaut aus dichtem Nebel,
im Haus erbaut aus fruchtbringenden Pollen,
im Haus erbaut aus Grashüpfern,
wo Wolkendunkel die Tür verhüllt,
wo auf dem Regenbogen der Weg zu dir führt,
wo die Zickzackspur des Blitzes hoch oben steht,
o Gottheit!
In denen Mokassins aus dunkler Wolke
komm zu uns,
begleitet vom Donner über dir,
komm zu uns,
Regenwolken unter den Füssen,
den Regenbogen über dir,
komm zu uns,
umleuchtet vom Zucken der Blitze.
Ich habe ein Opfer für Dich bereitet,
ich bringe Dir den Rauch meines Feuers dar.
Gib meinen Füssen neue Kraft.
Gib meinen Beinen neue Kraft.
Gib meinem Körper neue Kraft.
Erneuere meinen Geist.
Nimm die Krankheit von mir.
Du hast sie von mir genommen,
weit weg von mir hast du sie genommen.
Voll Freude spüre ich,
wie meine Kraft zurückkehrt,
meine Augen sind nicht mehr trüb,
mein Kopf ist klar,
ich kann meine Glieder wieder gebrauchen.
Du hast die Krankheit von mir genommen.
Ich kann wieder gehen.
Möge ich ohne Schmerzen wandern.
Möge ich glücklich wandern.
Wie es früher war, möge ich wandern.
Möge ich freudig wandern unter der Regenwolke.
Möge ich freudig wandern im kühlenden Regen.
Möge ich freudig wandern inmitten grünender Pflanzen.
Möge ich freudig wandern auf dem Pfad der lebensspendenden Pollen.
Möge ich voll Freude wandern.
Wie früher möge ich wandern.
Schönheit sei vor mir.
Schönheit sei hinter mir.
Schönheit sei unter mir.
Schönheit sei über mir.
Schönheit sei um mich.
In Schönheit ist es vollendet.

Dieser geheimnisvolle, für uns schwer ausdeutbare Text wurde als Reinigungsritual und bei Krankheiten gesungen und auch getanzt.
In der Krankheit sahen die Navajo ein Anzeichen dafür, dass die Harmonie des Menschen mit dem Schöpfer und der Schöpfung gestört war. Deshalb spielte die Heilung von Kranken bei allen Zeremonien eine grosse Rolle.
Die Schlussformulierung "In Schönheit ist es vollendet" war der übliche Abschluss eines Gebetes, ähnlich wie in der christlichen Tradition das "Amen".
Die alten, heiligen Gesänge wurden von den Navajo als Geschenk der Gottheit empfunden. Die Lieder hatten Friedensbringer- , Reinigungs- und Segenskraft, wenn sie genau im überlieferten Wortlaut gesungen wurden.

Alles dies lernte nun Will, lernte einige Tänze und wurde in die Riten des Stammes immer tiefer eingeführt, musste Teil des Stammes werden und nur seine weisse Haut konnte der Heilige Mann nicht wegzaubern. Aber er bekam neue Kleidung, wurde in den Rat der Krieger aufgenommen und musste einige Geschicklichkeitsübungen vollbringen, was auch der allgemeinen Belustigung diente, denn die Indianer lachten gern und waren sehr gesellig.
Als nun schon der erste Schnee lag, mussten die jungen Krieger mit entblösstem Oberkörper eine Stunde ein Rennen von mehreren Kilometern laufen. All das gehörte zur Abhärtung und Ertüchtigung. Was auf Will zunächst sehr spartanisch wirkte, war im Grunde ein grosser Spass für alle und ihm wurde gehörig warm dabei. Die meisten dieser Übungen sollten daher den notwendigen Respekt sicherstellen, sodass die kosmische Harmonie gewahrt blieb und damit das Überleben der Gemeinschaft garantierte.
So wurde er immer mehr ein weisser Indianer, eben der Navajo Will. Ein Name, der ihn nun Zeit seines Lebens begleitete, bei den Indianern und seinen weissen Landsleuten, die ihn nun immer mehr mieden, da sie nicht verstehen konnten, wie ein zivilisierter Mensch zum "Wilden" werden konnte.
Als der Winter seinen Höhepunkt erreicht hatte und ein Jahr seit dem Tod von Anda’s Mann vergangen war, willigte der Heilige Geist durch den Medizinmann ein und verband beide zu einem Paar, was durch ein rituelles Fest gefeiert wurde, an dem der ganze Stamm Anteil hatte.
 

Website aktualisiert: 16.11.2016